SICHTWEITE - VERNISSAGE

August 04, 2021  •  Kommentar schreiben

Stellen wir uns einmal vor, wir befinden uns auf einem Turm auf einer kleinen Insel inmitten eines Ozeans. Rundum Wasser so weit das Auge reicht, wolkenloser Himmel, eine ruhige See. Auf dem Dach des Turmes hat man eine Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen. Wir geben Toni Niederwieser den Auftrag, uns einen fotografischen Rundumblick dieser eintönigen Umgebung zu liefern. Blauer Himmel, blaues Wasser, sonst nichts. Toni wird uns vier Aufnahmen liefern, die unterschiedlicher nicht sein können. Weil er, mit seiner Sichtweise der Sichtweite umzugehen versteht.
JakobskreuzJakobskreuz

Aber wir befinden uns ja heute im Jakobskreuz, auf scheinbar bescheidener gut 1400 Meter Seehöhe, haben ebenfalls einen Rundumblick nach Süden, Norden, Osten und Westen, mit einem großen Unterschied, es stehen uns massive Hindernisse im Weg. Wir nennen sie Berge, Hügel oder Felsen, Wolken, Nebel oder Niederschläge. Das beschränkt und erweitert die Sichtweite in gleichem Maße. Ein Paradies für einen Fotografen und eine Herausforderung zugleich. 

Die Herausforderung beginnt schon damit, zu jenem Platz zu gelangen, der als Basislager für die Sichtweite dienen soll. Zu unchristlichen Zeiten, zu unchristlichen Temperaturen, in unchristlichen Gegenden. Toni Niederwieser nimmt dies in Kauf, mit einer schwer nachvollziehbaren Besessenheit und einer Geduld, die man eigentlich nur von aus der Tierfotografie kennt. Seine Motive laufen nicht weg und dennoch sind es meist Augenblicke, kurze Momente, wo sich die Natur zu jener Komposition formt, die seinem Anspruch entspricht.

Ist es dann so weit, wird an einer Kamera, die ein technisches Wunderwerk ist, eine Optik besitzt, die an Schärfe kaum zu überbieten ist, der Auslöser gedrückt, eine Hundertstel, eine Tausendstel oder vielleicht eine ganze Sekunde lang, und die Sichtweite auf eine Sensorplatte gebannt. Dann wird das Eingefangene, längst wieder zuhause aber wiederum zu meistens unchristlichen Zeiten, kontrolliert, sortiert und eine - bescheiden kleine - Auswahl getroffen. In unserem Fall, bei unserer heutigen Ausstellung, wird dem Bild die Farbe schichtweise entnommen, der Ausschnitt, sprich die Kalibrierung, bestimmt und es beginnt jener Prozess, der das Foto schlussendlich zu einem Kunstwerk formt. Zwischen dem dunkelsten und hellsten aller Grautöne, dem Schwarz und dem Weiß, befinden sich Hunderttausende von Schattierungen und Varianten, die gestärkt oder geschwächt werden wollen, die ihre Wirkung im Kontrast, in der Schärfe oder Unschärfe ausleben wollen. Da tut sich eine Welt auf, die nicht weniger an Ausdauer, ja an Besessenheit erfordert, wie der Weg zu jenem Platz, wo einst der alles entscheidende Auslöser gedrückt wurde. 

Toni Niederwieser hat seinen Bildern einen Namen gegeben, auch in dieser Disziplin beweist er ein treffsicheres Gespür, die einzelne Abteilungen heißen Schneeberge, Grasberge, Steinberge oder Schwarzberge. Letztere Bezeichnung ist sogar doppelbödig, stehen wir ja hier auf ursprünglich afrikanischem Boden, auf einem Teil des einstigen schwarzen Kontinents, der sich über die Jahrmillionen hierher bewegt hat, mit freiem Blick zum Korallenriff des Urmeeres, banal mit Steinplatte bezeichnet. In diesem einzigartigen Umfeld sind diese Bilder entstanden von einem, zumindest aus meiner Sichtweite gesehen, einzigartigen Fotografen. Wir dürfen Akribie, Perfektion und Kalibrierung nicht als Fremdwörter, sondern als Wirklichkeit erleben. Auch das ist einzigartig. Um meine Laudatio dennoch mit einem Fremdwort abzuschließen, fällt mir in der Causa Toni Niederwieser und seiner genialen Ausstellung „Sichtweite“ im Jakobskreuz nur ein französisches ein: „Chapeau“!

Wolfgang Schwaiger: Obmann Kulturausschuss der Marktgemeinde Fieberbrunn.

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