Zwiesprache

Flankiert von zwei großen Gräben erhebt sich mächtig der Protagonist dieser Fotoausstellung, ein Berg, der gleichermaßen den Menschen fasziniert, inspiriert und anzieht, zu allen Jahreszeiten und Wetterlagen. Besungen und bespielt, begangen und bewandert, benutzt und befahren, betrachtet und bewohnt, beliebt und besonnen. 

Die Fieberbrunner gaben ihm den blumigen Namen „Wildseeloder“ und der Tourismus das Prädikat „Alleskönnerberg“. Im Herzen ein kühler, klarer Bergsee, am Kopf ein Kreuz aus Stahl, an den Flanken Schauplatz eines der weltgrößten Freeride Events, seine Haut Heimat für Tirols reichste Alpenflora. Superlativen im Schatten seiner berühmten Brüder in den Kitzbüheler Alpen. 

Eine Prachtentfaltung, mit vielen Facetten, die der Fieberbrunner Fotograf Toni Niederwieser in seiner ganz besonderen Art in Bilder geformt hat. Seit seiner Jugend versucht er, mit seinem Berg ins Gespräch zu kommen, ihn auszufragen, Antworten zu suchen und festzuhalten, was kein Eilender sieht. 

Reduziert auf das Weiße, auf das Schwarze und auf alles, was dazwischen liegt. Geheimnisvoll die Stimmung, akribisch im Detail, präzise die Schärfe, zwiespältig das Licht. Fotografie auf höchstem Niveau und mit dem Berg im Zwiegespräch. Von Angesicht zu Angesicht. 


Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man in den Räumlichkeiten eines der historisch wichtigsten Gebäude Österreichs eine Ausstellung eröffnen darf. Vor allem dann, wenn sowohl der Protagonist, als auch der Künstler als auch der Laudator aus einer für die Hauptstadt mehr oder weniger unbekannten Gegend kommt, die man ganz salopp als Provinz bezeichnen kann und auch darf. Der Ort des Geschehens liegt an der östlichen Landesgrenze von Nordtirol. Dennoch verbindet uns mit der Hauptstadt und dem Land mehr, als so mancher es vermutet. 

Im Laufe der Jahrhunderte gab es immer wieder bemerkenswerte Begegnungen, sei es wegen der schweren Glieder der legendären Kettenbrücke, die aus unserem Stahl geschmiedet wurden oder hundert Jahre später wurde sogar ein Gymnasium nach einem unsrigen benannt, nämlich nach Genius Christian Reithmann. Seit dem heurigen Jahr verbindet uns auch eine imaginäre U-Bahnlinie mit dem Bozner Platz. 

Und auch der Protagonist der heutigen Ausstellung, die Hauptfigur,  hat eine besondere Historie, erstmals groß beschrieben durch den Alpinisten Ludwig Purtscheller, der übrigens ein gebürtiger Innsbrucker war. Die Einheimischen nannten ihn den Loder, die Touristiker machten dann geschäftstüchtig den Wildseeloder daraus. Der Alpenverein baute eine Schutzhütte an seinen See, die Bauern entdeckten ihn als ideale Spielwiese für die Schafe im Sommer, manche Freigeister ließen sich bildnerisch oder dichterisch von ihm inspirieren, die ersten Skirennen des Landes führten an seinen Flanken hinunter und die Bergleute holten aus ihm Kupfer, Blei, so manches Silber und, wie uns die Landkarte des Mathias Burglechner aus dem Jahre 1611 lehrt, auch Farben heraus. Und nicht zuletzt fanden die botanisch interessieren Menschen hier ein Paradies, kaum anderswo in den Alpen ist eine vergleichbare Dichte an Alpenflora und Kräutern vorhanden.

Und blumig sind auch die Namensgebungen, wie schon erwähnt der Wildseeloder, wie die Schreienden Brunnen, wie die Wildalmen, wie der Herrgott, ein jedes Jahr im Spätwinter entstehendes Schneefeld. Flankiert wird der Bergstock von zwei Tälern, deren Bäche mit Schwarzache und mit Weißache benannt wurden, seitlich gesellt sich noch eine Rotache dazu. Und immer mehr nähere ich mich nun den wirkenden Inhalten der heutigen Ausstellung, dem Schwarzen, dem Weißen, den spezifischen Grautönen, den Schattierungen, die unser Künstler und Fotograf Toni Niederwieser mit einer Akribie seinen Bildern verleiht. Und wenn dann noch dazu Farben ins Spiel kommen, dann gehen diese tief, sind kräftig, sind eigenartig und dennoch monochrom, in einem Blau, in einem Rot, einem Grün mit all seinen Erscheinungsformen.

Sich dem Wechselspiel des Wildseeloders zu nähern, heißt mit ihm ins Gespräch zu kommen. Nur so kann man jene Details und Feinheiten, jene Stimmungen und Facetten entdecken, beobachten und zum rechten Augenblick ins Bild setzen. Manchmal einfrierend, manchmal fließend, manchmal selbstredend und dann auch wieder still und schweigend, oder gar mystisch. 

Diese Gespräche brauchen Zeit und auch die Bilder, die wir hier und heute bewundern dürfen, brauchten ihre Zeit um sich darzustellen, um zu wirken. Zeit in der Motivfindung, Zeit in der Bearbeitung, Zeit in der Vollendung. Wir nannten diese Ausstellung „Zwiesprache“, weil für uns der Zugang, das Verständnis zu dieser Art der Fotografie über diese Gedankenbrücke am ehesten begreifbar wird. Jedes Bild erzählt eine kleine Geschichte aus den Zwiegesprächen mit Berg. Auch die leicht mystischen, makabren und spektakulären Momente präsentieren sich in einer bemerkenswerten Erzählform. 

Abstrakt  und prägnant ist die Namensgebung der einzelnen Bilder: reduziert auf meist nur ein Wort informieren uns die gut gewählten Bezeichnungen in einer klaren Sprache über Inhalte und Motive. Die Namen haben eine Bedeutung und geben uns den einen oder anderen Hinweis, den man oft erst beim zweiten, manchmal erst beim dritten Betrachten richtig wahrnimmt. Mit der so genannten Benamsung, also der Bezeichnung der Bilder, hatte auch so mancher Winzer seine Freude, dessen Geist im Wein manchmal erst nach mehreren Gläsern zum rechten Wort am rechten Ort geführt hat. 

Toni Niederwieser arbeitet autodidakt. Es wäre auch nicht unbedingt jedermanns Sache, ihn beim Fotografieren zu begleiten, ihn im Zwiegespräch zu beobachten oder zu belauschen. Er hat vor einigen Jahren aus freien Stücken die Meisterprüfung abgelegt, trotzdem hört auch gerne noch das Wort Hobby, wobei in Anbracht der hier präsentierten Dimensionen diese Bezeichnung wohl obsolet wird. Fotografie auf sehr sehr hohem Niveau kombiniert mit den zurzeit wohl hochwertigsten Ausarbeitungs-  beziehungsweise Druckmöglichkeiten. 

Der Wildseeloder ist das kleine Universum seiner Kindheit, dem er auch so manchen schulpflichtigen Tagen den Vorzug gab, aber er ist auch sein Broterwerb. Er ist nämlich einer der Geschäftsführer der Bergbahnen Fieberbrunn, die von seinem Berg aus in einer kongenialen Verbindung mit dem benachbarten Glemmtal inzwischen zu den fünf größten Schigebieten unserer Welt gehören. Das ist Fakt. 

So spreche er nun selber zu uns und eröffne uns die fotografische Welt der Zwiesprache:

Wolfgang Schwaiger

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